„Wird es denn niemals wieder Nacht?“ – eine Geist-Körper-Performance, ab 17.10.2019 in der Alten Feuerwache Köln

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

– Friedrich Nietzsche

Mitten in der Aufklärung verliert ein Dichter seinen Verstand: Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), einst gefeierter Kollege und Freund J.W. Goethes, bricht nach einem Streit mit diesem zusammen und strandet bei Pastor Johann Oberlin im Elsaß. Die Tagebucheinträge des Geistlichen über diesen Aufenthalt inspirieren 50 Jahre später Georg Büchner zu seiner unvollendet gebliebenen Novelle „Lenz“.

Obgleich noch weit entfernt vom heutigen Begriff psychischer Erkrankung, beschäftigte der medizinisch ausgebildete Büchner sich intensiv mit der Frage der Beziehung zwischen Gehirn, Gedanken und Kommunikation. Das Scheitern des Individuums an einer Umwelt, die seine Realität nicht anerkennt, bettet Büchner ein in Überlegungen zu den gesellschaftlichen Umbrüchen seiner eigenen Zeit.

Grundlegenden Verschiebungen sehen auch wir Heutigen uns gegenüber, und mehr als je zuvor stehen Gehirn und Geist dabei im Fokus. Auf der einen Seite überzeugt uns die Hirnforschung immer mehr davon, dass „Realität“ nichts weiter ist als eine Simulation unseres Gehirns. Auf der anderen müssen wir die Empirie, also die Überprüfung der faktischen Grundlage von Informationen, immer mehr gegen Fake News und Erregungskultur verteidigen. Und zwischen alledem bangen wir der „Singularität“ entgegen: Dem Moment, in welchem neuronale Netzwerke – also künstliche Gehirne – nicht mehr nur selbstständig lernen, sondern ihrer selbst bewusst und uns Menschen überlegen werden.

Was macht all dies mit unserem Realitätsbegriff? Wer ist überhaupt befugt, Wirklichkeit zu definieren? Wie legen wir fest, wer die Welt „richtig“ sieht und wer dagegen „verrückt“ ist? Und kann es, da wir einander nun einmal unmöglich in die Gehirne schauen können, eine echte Kommunikation, ein echtes Einverständnis, je geben?

Le Papillon Noir laden das Publikum in einen Versuchsaufbau ein, in dem diese und andere Fragen nicht nur reflektiert, sondern mit allen Sinnen erfahren werden können. Das neuronale Netz im Zentrum unserer Bühne wird mit den ZuschauerInnen verbunden, sodass deren Reaktionen direkt auf Licht, Ton und Performerin einwirken. So erleben wir zugleich unsere Vernetzung und Vereinzelung, können beeinflussen und beeinflusst werden und schaffen endlich eine gemeinsame Realität, eine echte Verbundenheit – vielleicht. Oder auch nicht.

Premiere: 17.10.2019, 20 Uhr, Alte Feuerwache Köln, Melchiorstr. 3, 50670 Köln

Weitere Vorstellungen: 18.-20.10. und 05.-08.12. 2019, jeweils 20 Uhr

Kartenreservierung unter 0221 973155-10 und postmaster@lepapillonnoir.net

Idee/Konzeption/Spiel: A.-S. Azizè Flittner

Konzeption/Bühne/Technik: Marc Brodeur

Szenische Ausgestaltung: David N. Koch

Bewegungscoaching: Vin Haimann

Gesangscoaching: Marcellina van der Grinten

Gefördert durch das NRW Landesbüro freie darstellende Künste und das Kulturamt der Stadt Köln